Eine zarte Botschaft für schwere Zeiten

von Mark Whitwell

Vor kurzem habe ich ein YouTube-Video gesehen, in dem der Schauspieler Jim Carrey begeistert davon erzählt, Eckhart Tolle entdeckt zu haben. Es scheint, dass Carrey beim Lesen und Zuhören von Tolle ebenfalls einen plötzlichen „Erweckungsmoment“ erlebte, ähnlich wie Tolle selbst. Er erkannte, dass er das Bewusstsein selbst IST – derjenige, der sich jeder „Sache“ bewusst ist, sogar seinen Sorgen, in all ihrer tiefgreifenden Unbedeutsamkeit.

Und in diesem glückseligen Moment verspürte er ein tiefes Gefühl von Frieden und Freiheit – was manche unseren natürlichen Zustand oder Erleuchtung nennen würden, und andere vielleicht das Erkennen Gottes als Quelle aller Schöpfung. Doch beim Erzählen der Begebenheit knirscht Carrey mit den Zähnen, macht ein grimmiges Gesicht und sagt: „Seitdem versuche ich immer wieder dorthin zurückzukehren.”

Der brillante Komiker Carrey hat mich zum Lachen gebracht, indem er das sehr menschliche Dilemma, in dem wir uns befinden, zum Ausdruck brachte. Wir haben unsere Höhenflüge, Momente klarer Einsicht und wunderbarer Inspiration aus den verschiedensten Quellen.

Aber dann rauscht das Leben wie üblich in den verwirrten Geist. Und darauf scheint sich unsere Aufmerksamkeitmeistens zu fixieren. Manchmal können Inspirationen die Dinge sogar noch schlimmer machen, weil wir spüren, wie mittelmäßig das tägliche Leben im Vergleich zu unserer „Gipfel“-Erfahrung zu sein scheint.

Vor Jahren pflegte mein Lehrer  in Indien  zu sagen: „Es ist besser, gar nicht erst inspiriert zu werden, wenn man nicht die praktischen Werkzeuge hat, um auf die Inspiration zu reagieren.“ Er meinte damit, dass wir nicht das momentane Aufblitzen der so genannten „Erleuchtung“ brauchen, sondern die Fähigkeit, realistische Maßnahmen zu ergreifen, die es uns ermöglichen, das, was uns inspiriert hat, dauerhaft umzusetzen. Außerdem, so fuhr er fort, brauchen wir keine Erleuchtung, sondern echte Nähe (Intimität)  zu uns selbst und anderen.

Ich schätze Carreys Humor, ganz zu schweigen von seiner Ehrlichkeit, aber ich würde ihm gerne sagen, dass er sich keine Hoffnungen machen sollte, „dorthin zurückkehren zu können“. Was er und Tolle fühlten, sollte ohnehin nur eine einmalige Sache sein.

Solche Erfahrungen sind uns gegeben, um zu verstehen, dass wir uns im natürlichen Zustand befinden – dass alles tatsächlich Bewusstsein IST, auch wenn wir es nicht ständig so empfinden.

Wie mein Lehrer häufig anmerkte: Wenn man etwas verstanden hat, muss man es nicht ständig vor sich her tragen. Man benutzt ein Floß, um den Fluss zu überqueren, aber man schleppt es nicht ständig mit sich herum.

Aber er wiederholte immer wieder, dass wir eine praktische Antwort auf diese Einsicht brauchen – einen Weg, unseren natürlichen Zustand zu genießen, ohne diesen inneren Kampf zu führen, eine Erfahrung erneut herbeiführen zu wollen.

Und dann war er so freundlich, mir dieses praktische Mittel beizubringen, eine einfache Form des Yoga, die wir auf natürliche, nicht zwanghafte Weise täglich ausüben können,  da wir so die nährende Kraft, das Bewusstsein selbst, die Grundlage allen Lebens, umarmen können. Wir brauchen Handlungen, die funktionieren, nicht nur Wunschdenken oder heroische Anstrengungen im Geist oder Körper.

In den traditionellen Lehren wird Yoga so beschrieben  „…erkenne deine eigene Richtung und folge dieser mit Kontinuität  – Körper, Atem und Beziehung –  in dieser Reihenfolge. Dann erkennst du dein Selbst.“ Es gibt ein Yoga, das genau zu dir passt. Es ist nicht zu finden in den schweißtreibenden, gymnastischen Stilen, die in den letzten Jahren populär gemacht und vermarktet wurden, sondern in dem ursprünglichen Yoga, das perfekt auf die individuellen Gegebenheiten jedes Einzelnen abgestimmt ist – zugeschnitten auf dich und dein einzigartiges Leben. Es ist leicht zu lernen und bedeutet, an der Vereinigung der Gegensätze des Lebens teilzuhaben, wodurch die Quelle aller Gegensätze sichtbar wird. Dies führt zu einer größeren Verbundenheit (Intimität) mit deinem eigenen Körper, die sich in eine tiefere Verbindung (Intimität)  zu anderen Menschen übersetzt.

Nach eigenem Bekunden war Eckhart Tolle zutiefst deprimiert und stand vor einer klaren Wahl: Selbstmord oder das Bewusstsein des Einen, der deprimiert ist. Er hatte wirklich keine Wahl. Aber die meisten von uns sind nicht in dieser akuten Situation, so dass nicht jeder seine Durchbruchs-Erfahrung machen kann. Außerdem können wir die Erfahrung eines anderen nicht duplizieren; wir können nur unsere eigene Erfahrung machen.

Mein Lehrer hat es so formuliert: „Der Versuch, etwas zu sein, was man nicht ist, ist die Ursache des menschlichen Leidens.“ Den meisten von uns ergeht es im normalen Auf und Ab des Lebens nicht so schlecht. Wir sind wahrscheinlich noch nicht an diesen dramatischen Ort gebracht worden, die dunkle Nacht der Seele, auf die die Gewissheit folgt.

Der Punkt ist, dass man keinen dauerhaften Frieden herbeiführen kann. Nach ihm zu suchen, setzt voraus, dass er fehlt – und genau das Suchen ist das Problem. Das soziale Modell der Erleuchtung aufzubauen, schafft nur Un-Erleuchtung. Nur Unzufriedenheit sucht nach Glück! Wenn Glück kommt, dann auf natürliche und spontane Weise. In der Zwischenzeit brauchen wir etwas Praktisches, das funktioniert – und das ist Yoga, das perfekte Teilhaben am Leben.

Und im Yoga weiß man, dass die wunderbaren spirituellen Zustände, die in der großen Tradition beschrieben werden, ganz natürlich entstehen, ohne dass man sich darum bemüht. Sie werden siddhis genannt, besondere Kräfte, die auf natürliche Weise aus Gnade entstehen. Genauso wie der Schlaf ganz natürlich kommt. Du kannst dich nicht zwingen einzuschlafen. Man kann nicht wie Jim Carrey die Zähne zusammenbeißen und versuchen, einzuschlafen, genauso wenig wie man „versuchen“ kann zu meditieren. Der Versuch zu schlafen verhindert den Schlaf! Der Schlaf kommt gewiss, wenn man die richtigen Bedingungen schafft. So ist der Versuch, ohne Yoga erleuchtet zu werden, wie der Versuch, einzuschlafen, ohne sich hinzulegen und das Licht auszuschalten!

Ich unterrichte eine einfache Form des Yoga, die die Menschen niemals dazu anleitet, zu versuchen, friedlich zu sein oder zum Bewusstsein oder zu Gott zu gelangen. Stattdessen zeigt  uns Yoga, wie wir mit dem Leben, mit unserem Körper und unserem Atem vertraut/intim sein können, denn das ist das eigentliche Mittel zur Verbindung mit Gott.

Ich möchte, dass jeder weiß, was Yoga eigentlich ist, was es bewirkt und wie einfach es ist. Wir wollen Intimität, nicht positives Denken. Wir brauchen Intimität, keine Erleuchtung. Wir brauchen Intimität, nicht Gotteswahrnehmung. Denn durch Intimität erfahren wir all das. 

Den englischen Originaltext kannst du hier lesen:  “A Soft Message for a Hard Time”